Auf der Spur der goldenen Steine

Es war wieder soweit, 18 Kinder der Papageiengruppen sind aufgeregt, gespannt und etwas hibbelig. Ein großes Abenteuer stand ins Haus. Der traditionelle Papageienausflug 2016 sollte - wie in jedem Jahr - ein Höhepunkt der nun endenden Kindergartenzeit werden. Überraschungen, Spannung und viel Freude waren garantiert…

In der Vorbereitung des Festes, welches traditionell mit den Eltern des Kinderhauses organisiert wird, kamen die Jahre der vertrauensvollen Kommunikation noch einmal voll zum Tragen. Die im Vorfeld stattgefundenen Elternversammlungen zeigten, dass eine fast familiäre Atmosphäre entstanden ist. Ratschläge und Visionen für diesen Tag wurden diskutiert, organisiert und kreativ umgesetzt. Es war schön zu sehen, wie aus einer Idee ein detailliertes Konzept wurde, an dem nicht nur die Kinder Freude haben sollten, sondern auch die beteiligten Eltern.

In jedem Jahr bekommt der „Papageienausflug“ ein treffendes Motto für die Verabschiedung. In diesem Jahr lautete es: „Auf der Spur der goldenen Steine“.

Mir kam der Gedanke dazu vor ein paar Wochen, als unser Weg in den Deutschen Bundestag nach Berlin führte. Vor dem Modell des Reichtages erläuterten die Kinder der sichtlich erstaunten Mitarbeiterin Architekturelemente. Martin erklärte ihr, dass es sich um Sandstein handelt. Eva warf ein, dass die Säulen eine Basis sowie ein Kapitell besitzen und etwas anders als im Neuen Garten aussehen. Als Maria noch den Zahnschnitt benannte und zeigte wurde mir klar, dass hier eine Gruppe kleiner Experten am Werk war. Steine haben uns neben vielen anderen spannenden Sachen während der Kindergartenzeit begleitet. Vor dem Büro von Frau Dr. Merkel entdeckten die Kinder noch Vierungen, Ergänzungsstellen, die wir regelmäßig an historischen Bauten suchten und fanden. Also um Steine muss es gehen…

Am Freitag den 22.07.2016 war es soweit: Punkt 12:30 Uhr betrete ich den Raum der Papageien 1 und alle Kinder setzen sich an unseren grünen (verspäteten) Morgenkreis. . „Fauch war da und hat endlich eine Abenteuerkarte bei Henry abgelegt!“ Fauch ist eine Drachenfigur, die den Kindern bereits seit Jahren geläufig ist. Der Legende nach wohnt der kleine Drache im Marmorpalais des Neuen Gartens. Nun kann ja nichts mehr schief gehen. Jetzt kommt der große Moment, die Abenteuerkarte wird geöffnet und ein Raunen erfüllt den Morgenkreis. Man kann förmlich sehen, wie die Köpfe rauchen und in einem unglaublichen Tempo versuchen, alle Informationen zu verarbeiten. Es dauert keine zwei Minuten und die Stille weicht einer aufgeregten Diskussionsrunde. Jedes Kind macht sich Gedanken und hat zwischenzeitlich den Plan analysiert. Martin meint sehr ernst und sachlich, dass wir bei der „1“ anfangen sollten, schließlich handelt es sich um das Kinderhaus Fridolin. Andere Kinder wundern sich über ein Segelschiff, Knoten und goldene Steine. Nach ein paar Minuten sind sich jedoch alle einig, dass wir das Abenteuer gemeinsam bestehen werden.

Los geht es: Warnwesten anziehen, in festes Schuhwerk schlüpfen, Mützen auf und die Karte nicht vergessen. Ein kleines Säckchen ist auch mit dabei auf der nun folgenden Abenteuerreise. Hier liegt schon ein Goldstein drin, den Fauch als sicheres Zeichen auf der Karte hinterlegt hat. Mit Hilfe der Karte führt der erste Weg in Richtung Alexandrowka. Dort angekommen wird sich orientiert und beraten. Xara erkennt den Brunnen auf der Karte und zeigt selbstbewusst in die richtige Richtung. Kein Goldstein in Sicht. Eva meint, „wir müssen sicher erstmal pumpen, damit Wasser aus der Pumpe kommt.“ Vielleicht steckt der Stein im Pumprohr. Gemeinsam wird der Schwengelhebel auf und ab bewegt. Nichts passiert. Die Papageien sind gefordert, nochmal gründlich zu suchen. „Hurra, hier liegt doch ein Goldstein“, sagt Leon und ist stolz diesen gefunden zu haben. „Nun haben wir schon zwei Steine“, freuen sich die Kinder. Auf der Karte erwidert Martin nüchtern stand eine „10“. In der Alexandrowka sind wir jedoch noch nicht an der roten „1“ angekommen. Die Holzhäuser werden einer kritischen Prüfung unterzogen. Schon von weitem sehen wir drei zauberhafte russisch gekleidete Damen. Die Kinder staunen nicht schlecht, dass drei Muttis der Papageienkinder erkannt werden, die in einer uns recht unbekannten Sprache sprechen. Im Museumsgarten lädt ein großer Tisch mit Bänken zum Verweilen ein. Die Papageien werden aufgefordert sich als Selbstversorger, so war die Alexandrowka durch den König erdacht worden, eine leckere Limonade selber herzustellen. Dazu geht man in den Garten und pflückt sich die Zutaten selber zusammen. In kurzer Zeit entsteht eine Beeren-Limonade, die mit Eiswürfeln serviert wird. Der Museumsleiter bereichert den Augenblick mit witzigen Anekdoten und Fakten. Zum Schluss wird getanzt, denn unsere russischen Begleiterinnen entpuppen sich auch noch als Tänzerinnen. Wir verabschieden uns und sind schon wieder auf dem Weg.

Es geht den Kapellenberg hinauf. Die kleine schön anzusehende russisch-orthodoxe Kirche des hl. Alexander Newskij ist unser nächstes Etappenziel. Hier muss ein Goldstein zu finden sein. Alle Kinder schwärmen aus. Nach kurzer Zeit ist der Stein geborgen und wir können unsere Abenteuerexpedition fortsetzen - weiter in Richtung Pfingstberg. Nachdem alle Papageien den Berg hinter sich gelassen haben, wird die Abenteuerkarte studiert. „Mhh, was nun“, fragt Julian. „Hier ist nichts zu sehen“ und schwupps stehen wieder Eltern vor uns. Sie haben wichtige wissenschaftliche Experimente vorbereitet. Die Abenteurer müssen diese in drei verschiedenen Stationen lösen. Es geht um Luft, Wasser und unsere Erde. Die kleinen Forscher bekommen das alles sehr schnell hin. Die Jahre im Grünen Klassenzimmer der Universität Potsdam, unzählige Forschungserlebnisse im Haus der kleinen Forscher Fridolin, zahlen sich in diesem Moment wirklich aus. Martin stellt eine wissenschaftliche Hypothese auf: „Das Wasser müsste durch die Steine am schnellsten laufen, die funktionieren nicht wie ein Schwamm. Blumenerde und Sand dagegen schon!“ Die Eltern sind beeindruckt und auch ein wenig erstaunt, wie schnell die Zeit beim Experimentieren vergeht. Zum Abschluss geht es auf das Belvedere, das wir gut kennen, aber noch nie von oben gesehen haben. Vorbei an einer Hochzeitsgesellschaft und einem erstaunten Brautpaar führt der Weg über eine steile Wendeltreppe auf den höchsten Punkt der schönen Aussicht, Friedrich Wilhelm IV. Hier bekommen die Kinder ihren Goldstein überreicht. Der Stolz steht allen ins Gesicht geschrieben.

Abstieg und weiter geht es in Richtung Mirbachwäldchen, der Verbindung zwischen Pfingstberg und Neuem Garten. Dort angekommen, passieren wir eine Getränkestation, die mit bunten Luftballons geschmückt ist. Wir sehen einen Hindernis-Parcours, der viel Spannung und Spaß verspricht. Es ist körperliche Geschicklichkeit gefragt. Die Papageien feuern sich gegenseitig an und schaffen auch diese Herausforderung. Neben balancieren, krabbeln, Gleichgewicht halten, ist der spaßigste Teil, das Werfen mit Wasser gefüllten Luftballons.

Und wieder ist ein Goldstein gefunden und im roten Säckchen verstaut. Wir wollen uns verabschieden und sehen die vielen bunten Luftballons ein weiteres Mal - diesmal mitten auf der Wiese. Ich erkläre den Kindern, dass ich alle Schulwünsche gesammelt habe und diese auf eine eigene Luftreise gehen werden. Wir bilden einen großen Kreis und zählen den Startcountdown runter. Die Ballons steigen langsam, aber stetig auf. Es wird gewunken und gerufen. „Gute Reise!“

Es geht weiter in den Neuen Garten. Da wir den Elefantenbaum wahrscheinlich so gut kennen, wie kaum andere Kinder der Stadt Potsdam, bereitet uns der Weg keine Schwierigkeiten mehr. Wir schauen uns um und erkennen ganz schnell eine weitere Forschungsstation. Hier werden wir alle unsere Sinne benötigen, um unser Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren. Es wird getastet, gerochen, gefühlt und probiert. Das Elternteam hat eine hervorragende pädagogische Spürnase bewiesen. Wir verabschieden uns und Xara macht die Kinder darauf aufmerksam, dass die wichtigste Sache noch fehlt: Der Stein ist noch nicht gefunden. Aber wo sollen wir suchen? Die Karte wird genauestens unter die Lupe genommen. „Er muss unter der Bank sein!“, meint Sophie. Sie hat Recht, wenige Augenblicke später wird der goldene Brocken gefunden. Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg in die Gärtnerei. Die regelmäßigen Ausflüge dort hin, die Besuche der Gärtnerinnen und Gärtner machen es einfach. Doch heute ist alles anders.

Angekommen hören wir schon von weitem einen unserer eigenen Songs. Ganz deutlich scheppert hier gerade „Die giftige Dusela“ über den Hof. Was ist denn hier los? Alle Eltern sind in dem Innenhof und schon in Feierstimmung. Wunderbar, es gibt Verpflegung und eine Menge gesunder Sachen. Jetzt wird erstmal von den Abenteuern berichtet, die wir bis hier hin erlebt haben. Kaum zu glauben, was wir heute alles schon erlebt haben. Nach ein paar Minuten fragen die ersten Kinder: „Wann geht es endlich weiter?“ Ich kann es kaum glauben, denn wir sind gut drei Stunden unterwegs gewesen. Um den Eltern zu danken, absolvieren wir einen spontanen Kurzauftritt und präsentieren unseren letzten neuen Song für die CD, welche wir gerade als Morgenkreis-Band, Neue Lieder aus dem Kindergarten genannt haben. Die Suche geht auf dem Gelände der Parkgärtnerei der SPSG weiter und ist diesmal einfach, der Goldstein schnell entdeckt.

Plötzlich öffnet sich eine Schuppentür… Ein ganzer Haufen kleiner bunter Fahrräder und Helme werden sichtbar. „Das ist ja mein Fahrrad!“ stellt Laura erstaunt fest. Es sieht jetzt ein wenig wie bei der Tour de France aus. Erste Etappe Meierei, zweite Etappe Badewiesen, dritte Etappe Schwanenbrücke. „Oh hier sind wir ja noch nie gewesen!“, stellt Milan erstaunt fest. Vierte Etappe Neuland und ein unbekanntes Holztor. Es ist rot und sieht irgendwie wie bei den Wikingern aus. Wir beschließen, näher ran zu gehen. „Da liegen Seile im Gras“, stellt Maria erstaunt fest. Die Kinder merken ganz schnell, dass auf der Abenteuerkarte ein solcher Tampen eingezeichnet ist. Wir probieren den Knoten, den die Seemänner Achtknoten nennen. Er sieht tatsächlich wie eine Acht aus. Alle versuchen es. Sieht einfach aus, ist es aber doch nicht. Die Kinder helfen sich gegenseitig. Alle Kinder konzentrieren sich und schaffen es in wenigen Augenblicken. Wer weiß, wozu uns das zu nütze sein würde…

Weiter geht die Radtour, aber nur ein ganz kleines Stück. Denn es ist etwas Sonderbares zwischen den Bäumen zu sehen: Schiffsmasten und eine große Brücke voraus. Die Kinder schieben vorsichtig ihre Fahrräder in Richtung Ufer. Es herrscht völlige Ruhe als die Kinder ein richtiges Segelschiff mit einer Besatzung wahrnehmen. Brauchen wir jetzt den Knoten? Ein echter Segelschiff-Kapitän begrüßt die Kinder. Er fragt die Papageien, was sie hier machen und wo sie hin wollen. Martin hat sofort erfasst, was passieren soll. Er erklärt fachmännisch und sehr präzise die Abenteuerkarte. Die Schiffsmannschaft ist beeindruckt. Die Zielkoordinaten auf der Karte sind nur mit dem Schiff zu erreichen. Der Kapitän entscheidet spontan, dass alle Leichtmatrosen, die einen Achtkoten binden können, an Bord gelassen werden. Aufregung kommt auf. Jeder will natürlich dabei sein.

Es geht von der Glienicker Brücke hinaus auf den Tiefen See. Die Kinder sitzen als „Leichtmatrosen“ angeheuert auf der originalgetreuen Rekonstruktion einer britischen Miniaturfregatte von 1832, der Royal Luise. Das originale Schiff war ein Geschenk des britischen Königs William IV. an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. Es wurde nach der verstorbenen Königin Louise, der Frau Friedrich Wilhelms, benannt. Die Proportionen der Fregatte passen perfekt zu den „Leichtmatrosen“.

Die Besatzung lässt sich von den Abenteuern der Kinder berichten. Der Kapitän der Royal Luise ist erstaunt und hat immer ein Lächeln im Gesicht. Die Besatzung serviert kaltes Wasser und die Kinder genießen den außergewöhnlichen Anblick des Seglers. Ganz spontan beginnen die Kinder zu singen. Das Lied handelt vom kleinen Drachen Fauch… Die Seebären sind ein wenig gerührt. Matrose Edgar ist besonders angetan. Er erzählt den Kindern Details über das historische Schiff. Der Kapitän, Herr Lothar Voß, erklärt die Koordinaten auf der Abenteuerkarte, Längengrad und Breitengrad verraten, wo die Schultüten gelagert sein sollen. Felix ist skeptisch: „Mitten auf dem Wasser?“ Die Royal Luise wird langsamer und der Kapitän dreht noch einmal am Steuerrad. Es rumpelt im gesamten Schiffskörper und plötzlich ist alles still. Der Bootsmann wird aufgefordert, unter Deck nachzusehen, was da los ist. Er kommt mit einer alten Schatzkiste wieder nach oben. Die Aufregung steigt - jetzt ist der große Augenblick gekommen. Die Kiste wird geöffnet und jedes Kind bekommt seine Schultüte feierlich überreicht.

Auf diesen Augenblick haben die kleinen Abenteurer lange warten müssen. Doch der Eindruck und der Ort werden ihnen für immer im Gedächtnis bleiben. Die Schulkinder treten die Rückfahrt an - das Segelschiff nimmt wieder Kurs auf Potsdam. Die Pfaueninsel ist noch zum Greifen nah und wird in den nächsten Minuten immer kleiner. Dafür haben wir einen unbeschreiblich schönen Ausblick auf den Pfingstberg, die Heilandskirche Sacrow, das Marmorpalais und auf die Glienicker Brücke. Ein Stück Heimat wird zum Kopf-Foto für die kleinen großen Abenteurer.

Auf der Brücke warten und winken aufgeregte, stolze und glückliche Eltern, die es kaum erwarten können, ihre Schulkinder zu begrüßen. Eine Menge Touristen verfolgen gebannt das Schauspiel und man kann sehen, wie die Eltern den Neugierigen erklären, was hier gerade abläuft.

Eine ganz normale Kindergartenzeit für die Kinder des FidL-Kinderhauses Fridolin geht dem Ende entgegen. Wir wünschen den Schulanfängern und ihren Eltern eine liebevolle, erfolgreiche Schulzeit. Bedanken möchten wir uns bei den Eltern und vielen fleißigen Helfern, die solch‘ einen Abschluss erst ermöglichen.

Ein besonderer Dank geht an die Institutionen und Vereine, die seit Jahren unsere pädagogischen Ideen und Umsetzungen unterstützen und möglich machen:

-die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hier insbesondere die Mitarbeiter des Neuen Garten um Herrn Gartenfachbereichsleiter Sven Kerschek,

- den Verein Stiftung Pfingstberg e.V. und

- dem Royal Louise - Yacht- und Schifffahrtsverein zu Potsdam e.V., insbesondere Herrn Lothar Voß dem Kapitän.

Dank gilt auch den Teams der Kinderhäuser des Trägers. Sie sorgen dafür, dass jeder Tag ein erlebnisreiches, spannendes Bildungsereignis wird, an dem so mancher „Bildungsbrocken oder Goldstein“ den Weg in die Schulzeit findet.

 

Henry Sawade
Erzieher, Vorstandsvorsitzender FidL-Frauen in der Lebensmitte e.V.
Träger der Freien Jugendhilfe