Warum braucht man ein Museum?

Am 30.11.2017 machten sich Dank der Förderung durch den Elternförderverein „Fridolins Freunde“, 26 Kinder im Alter von 5 bis 6 Jahren auf den Weg, Potsdams jüngstes Museum Barberini zu entdecken. Der Zugang, die Auseinandersetzung mit Kultur, Kunst, Architektur, Lebensraum und Geschichte ist aus unserer Sicht ein Schlüssel zur Identitätsfindung und Entwicklung von Kreativität, Sinneserfahrungen und Heimatverbundenheit. Je früher hier ein Zugang gefunden werden kann, desto nachhaltiger werden die Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen unsere Kinder prägen. Soweit die Theorie. Wie sich dieser Ansatz mit Spaß und kindgerechter Pädagogik umsetzen lässt, möchte dieser Beitrag nachfolgend beschreiben:

Die Vorbereitung: Was ist eigentlich ein Museum? Warum braucht es sowas? Was kann man sich dort anschauen? Was ist Kunst? Wie arbeitet ein Maler? Was ist eine Collage? Ist Architektur auch Kunst? Und aus was können Bildhauer Skulpturen und Plastiken erschaffen? Fragen über Fragen, auf die seit Jahren das Team des FidL-Kinderhauses Fridolin in der täglichen Arbeit antwortet. Es ist Teil unseres Selbstverständnisses geworden. Bereits im Alter von einem Jahr werden erste Erfahrungen mit Pinsel, Farben, Ton und vielen anderen Materialien gesammelt. Im Laufe der Kindergartenzeit entstehen sozusagen Kunstwerke der ersten Schaffensperiode! Wie wichtig, spannend, lehrreich und bereichernd diese Auseinandersetzung ist, gilt es immer wieder neu zu entdecken. „Sich durch Kunst mitzuteilen und auszutauschen, ist Aufgabe jedes Museums und jedes Kindergartens“, verknüpft so Henry Sawade die beiden Welten. Durch den täglichen Umgang mit verschiedensten Materialien, Möglichkeiten, Botschaften und Motiven sind die Kinder gut auf das Entdeckerabenteuer Barberini vorbereitet.

Der Weg: Gut gelaunt und etwas aufgeregt treffen sich die Papageien-Kinder im FidL-Kinderhaus Fridolin. Ausflüge freitags sind eigentlich nichts Besonderes, doch heute begleiten uns gleich drei Eltern zum Barberini. Den Weg zum Alten Markt absolvieren wir zu Fuß. Auf dem Weg durch die Stadt merke ich, wie viel Kunst uns in unserem täglichen Stadtleben umgibt. Vieles ist so selbstverständlich, dass kaum ein Blick dafür bleibt. Bei den aufgeregten Papageien ist die Perspektive etwas anders. Da zeigt man auf einen geschmiedeten Baum an einer Fassade der Mittelstraße, staunt über die Ornamentik an alten Bürgerhäusern. An der Nikolaikirche werden die Engel und Glockentürmchen inspiziert. Nun wenden sich die Blicke zum guten alten Atlas, der nach wie vor die Last der Weltkugel schultert. Die Kinder wissen, dass er nicht aus purem Gold ist. Der Titan ist mit einer dünnen Blattgoldschicht bedeckt. Endlich ist es soweit, wir stehen vor einem Palast der alt und modern zugleich aussieht. Ich frage die Papageien, warum sie das so finden und erhalte prompt die folgende Antwort: „Na schau doch mal, die vielen Fenster und „Schnörkel“, unser Haus ist glatt und nicht aus Stein. Das hier sieht alt aus. Aber die großen Scheiben haben „Die“ neu eingesetzt.“ Ich lasse den Kommentar auf mich wirken und denke mir, dass sich hier gerade ein neues spannendes Thema ergibt, mit dem Potsdam immer noch sehr kontrovers umgeht.

Die Ankunft: Palais Barberini - eine königliche Idee, Friedrich des Großen. Er ließ das Palais Barberini als herrschaftliches Bürgerhaus errichten. Mit der Nikolaikirche und dem Alten Rathaus bildete dieses Ensemble am Alten Markt lange das Zentrum der Stadt Potsdam. Als Vorbild diente dem Architekten Carl von Gontard der barocke Palazzo Barberini in Rom. Mitte des 19. Jahrhunderts folgte in königlichem Auftrag Friedrich Wilhelms des IV. die Erweiterung um die zwei Seitenflügel. Den Auftrag für die Ausführung erhielten die Architekten Ludwig Persius, Friedrich August Stüler und Ludwig Ferdinand Hesse.

Das Museum: Das Bauwerk wurde im 2. Weltkrieg zerstört und der Wiederaufbau von der Hasso-Plattner-Förderstiftung, wie auch den Museumsbetrieb trägt großzügig finanziert. Wir werden an den großen Glastüren freundlich empfangen. Auch die wartenden Museumsbesucher sind erstaunt über die Größe. Im Foyer des Museums werden wir durch Frau Dr. Ira Oppermann begrüßt. Die Kunsthistorikerin wird uns im Museum begleiten und erklären, was wir in den nun folgenden zwei Stunden zu sehen bekommen und selber machen können. Es ist aufregend und wir gehen erstmal in einen Atelier-Raum, der ein wenig wie unser Kreativraum aussieht. Er ist größer und voll mit wunderbaren Materialien zum Zeichnen, Malen und Gestalten. Doch erstmal stärken wir uns und machen unsere Obstpause heute hier im Museum. Der Raum wird uns später noch beschäftigen. 

Die Werke: Leise und erwartungsvoll geht es nun die Treppe hinauf zu den ersten Ausstellungsräumen. Alle Kinder bleiben eng zusammen. Frau Oppermann zeigt den Weg und wir bemerken die ersten Kunstwerke. Das Licht ist gedämmt und die Bilder an den Wänden sind irgendwie doch im Licht. Fenster sehen wir nicht bewusst. Wir bleiben vor zwei Werken stehen, die auf den ersten Blick schön bunt aussehen. Frau Oppermann erklärt den Papageien, was der Künstler mit seiner Arbeit erreichen wollte. Wie sie entstanden sind und mit welchen Mitteln man gearbeitet hat. Es bleibt genügend Spielraum für kindgerechte Interpretation. „Das könnte ein Hochhaus sein" - "oder eine Kirche", "Nein das ist ein Turm, der könnte zusammenbrechen." Mich holt in diesem Moment meine eigene Vergangenheit ein. Ich kenne ein Großteil der Arbeiten und meine Gedanken wandern in eine längst vergangene Zeit. Künstler in der DDR standen im Spannungsfeld von Rollenbild und Rückzug, verordnetem Kollektivismus und schöpferischer Individualität. Die Interpretation, die Botschaft der Werke zu verstehen, ist abhängig vom Zeitpunkt der Betrachtung. Und nicht jeder Künstler hatte das Privileg oder auch die Bürde oder je nach Einstellung das Glück ein „Staatskünstler“ zu sein. Ich habe beide Kategorien selber kennengelernt. Die Gratwanderung zwischen politischer Vereinnahmung und selbstbestimmter künstlerischer Entfaltung war enorm und doch oftmals sehr produktiv. Frau Dr. Oppermann kennt diese Zusammenhänge und geschichtlichen Besonderheiten. Dies kindgerecht und nicht überladen in den Kontext der Betrachtung zu stellen, erfreut mich sehr. Die Auswahl der zu betrachtenden Kunstwerke ist ebenfalls übersichtlich. Die Kinder sind aufmerksam und erstaunlich entspannt. 

Die Betrachtung: Ein Highlight des Ausstellungsbesuches ist die Bildbetrachtung des "Seiltänzer" von Trak Wendisch aus dem Jahr 1984. Die Kinder betrachten sehr genau das Gemälde. Neben den kompositorischen Besonderheiten, der Perspektive, des Gesichtsausdruckes, der Farbgestaltung wird nun in Form einer Skizze das Werk auf wesentliche kindliche Betrachtungsweise untersucht. Alles was vorschulische Bildung bewerkstelligen kann und soll, wird in diesem Moment umgesetzt. Es ist erstaunlich, mit welcher Ernsthaftigkeit, Freude und Spaß nun vor dem Werk skizziert wird. Museumsbesucher bleiben stehen und fotografieren die Szenerie der vor dem Gemälde sitzenden und skizzierenden Kindergartenkinder. Im letzten Teil der Führung nähern wir uns Skulpturen und Plastiken. Neben der Thematik der bildhauerischen Werke geht es nun um Materialkenntnisse und den Attributen - den kleinen, aber wichtigen Hilfsmitteln einer Skulptur oder Plastik. "Warum hat der Kopf einen Hut auf?", "Und warum setzt der den so komisch auf?", "Man sieht sein Gesicht ja nur von der einen Seite." Die Zeit vergeht wie im Flug. Wir treten leise und ehrfürchtig den Rückzug an. Es geht vorbei an lächelndem Aufsichtspersonal und erfreuten Besuchern. Wieder im Atelier angekommen, folgt nun die Schlussphase unseres Besuches.

Der schöpferische Impuls: Nach einer kurzen Verschnaufpause erklärt Frau Dr. Oppermann, dass nun ein Rollentausch geplant ist. Alle Kinder können das gesehene und erzählte mit eigener Kreativität verarbeiten. Wir sind die Künstler! Das muss man den Papageien nicht zweimal erklären. In wenigen Minuten entstehen Bilder, Collagen und Masken. Sichtlich beeindruckt ist nun unsere Kunsthistorikerin Frau Dr. Oppermann. Alles wird aufmerksam verfolgt und gesichtet. Auch uns begleitende Eltern machen mit und werden kreativ. Was für ein Bild: Kinder und Erwachsene gemeinsam im Schaffensprozess. Der Austausch erfolgt zeitgleich. Die Kunstwerke werden gezeigt und sofort diskutiert. Zum Abschluss dieses aufregenden Vormittags legen wir die gefertigten Kunstwerke auf den Boden und halten alles in einem Erinnerungsfoto fest. Anschließend wird alles transportsicher in einer großen Tüte verpackt. Die Verabschiedung ist herzlich und wir versprechen wieder zu kommen. Ein großer Dank geht an Frau Dr. Ira Oppermann, die sehr einfühlsam und kompetent diesen Vormittag mit den Kindern des FidL-Kinderhauses Fridolin gestaltete. Dank dem Barberini und Herrn Plattner, der wahrscheinlich ohne sein Wissen vorschulische Bildungsarbeit leistet. Wer weiß, welcher kreative Kinderkopf so inspiriert einmal in seine Fußstapfen treten wird. Vielen Dank auch an den Förderverein "Fridolins Freunde".

Reflexion: Nach der Rückfahrt mit der Straßenbahn erreichen wir gegen 13 Uhr wieder das FidL-Kinderhaus Fridolin. Die kleinen Künstler haben nun einen Bärenhunger und sind erstaunlich fit für den Nachmittag. Nach einer kurzen Ruhephase werden die mitgebrachten Kunstwerke auf dem Flur ausgestellt. Eltern, andere Kinder, pädagogische Fachkräfte und Personal können nun wie die Papageien im Barberini schauen, interpretieren, staunen und fragen. Der tägliche Bildungsauftrag, den FidL seit Jahren lebt, wird auch an diesem Freitag spielerisch mit viel Fantasie gelebt. Für die pädagogischen Fachkräfte zeigt sich, dass die geleistete Bildungsarbeit aufgeht. Konzentration, Ausdauer, Aufmerksamkeit, Motorik, Kognition, Fantasie und das Meistern der normalen Verkehrsherausforderungen zeigen wie wichtig, diese Arbeit ist. Interessant ist dieser Einblick in unsere Arbeit auch für die uns begleitenden Eltern. Sie konnten an diesem Vormittag sehen, wie anspruchsvoll vorschulische Bildungsarbeit funktionieren kann. "Hinter der Maske. Künstler in der DDR" ist noch bis zum 4. Februar 2018 im Museum Barberini in Potsdam zu sehen. Ich möchte allen Eltern und Kindern diese Ausstellung wärmstens ans Herz legen. Eine spannende alternative zum kommerzgefüllten Vorweihnachtstrubel...

Henry Sawade
Vorstandsvorsitzender
FidL-Frauen in der Lebensmitte e.V.

Pädagogische Fachkraft, Bildhauer-Restaurierung

Stimmen zum Ausflug:

Friderike Ulbrich, Erzieherin der Papageien: „Mit 25 Kitakindern in ein Museum zu gehen, war auch für mich eine neue Erfahrung und Herausforderung. Was wird die Kinder interessieren? Was können sie verstehen und verarbeiten? Ich war skeptisch und wurde wieder eines Besseren belehrt, dass wir Erwachsenen uns, wie so oft, viel zu viele Gedanken machen. Wir betrachteten Kunstwerke, Gemälde und Skulpturen und die Kinder fragten sich nur: Gibt es im Museum auch etwas zu essen?

Ich war sehr erstaunt, wie die Kinder (gerade noch Windelpopo, jetzt Museumsbesucher) vor einem Gemälde mit einem Kasperl saßen und mit Sorgfalt, Konzentration und Detailliertheit versuchten, ihn abzumalen. Die Ergebnisse beindruckten mich zutiefst.

Bei dem anschließenden Bastelkurs konnte ich es sehr genießen, bei der Entstehung der Kunstwerke dabei zu sein. Große Dankbarkeit und Freude macht sich in mir breit – danke Papageien!“

Corinna B., Mutter eines "Papageien-Kindes":

Ich durfte die Kinder der Papageien des Kinderhauses Fridolin als Mama eines Papageien-Kindes bei einem ganz besonderen Ausflug begleiten. Wir besuchten das Museum Barberini mit der Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“. Große Kunst - verständlich erklärt für unsere Kleinsten.

Die Aufregung war riesig, die Kinder besonders interessiert und meistens sehr aufmerksam. Es wurden viele Fragen gestellt. Dazu mit Kinderaugen die künstlerischen Arbeiten, Werke, Skulpturen und Gemälde betrachtet. Besonders schön fand ich, dass nach einem kleinen kindgerechten Rundgang anschließend im Atelier gemalt und gebastelt werden konnte.

Der künstlerische Tatendrang beim Basteln von Masken und die leuchtenden Augen beim anschließenden Aus- und Aufprobieren dieser, steckten mich förmlich an. Ich blühte richtig auf, beim Zeichnen, Basteln und Mithelfen, so dass ich ebenfalls zum „großen kleinen Künstler“ wurde und viel Freude beim Unterstützen der kleinen Künstler hatte.

Ich finde es toll, dass den Kindern diese Möglichkeit geboten wurde und freue mich, wenn es noch viele weitere tolle Ausflüge gibt – ich bin gern wieder dabei. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Besonders auch zu sehen, wie viel Spaß die Kinder dabei hatten... Gern mehr davon. I like it.