Wie alt ist man im Mittelalter?

„Reformation (lateinisch reformatio „Wiederherstellung, Erneuerung“) bezeichnet im engeren Sinn eine kirchliche Erneuerungsbewegung zwischen 1517 und 1648“ (Quelle 1). Kann man dieses Thema kindgerecht in die vorschulische Bildungsarbeit einbetten und dabei noch jede Menge Lern-Spaß haben?

Eine Frage, die FidL wie in jedem Jahr beschäftigt – Wie soll das Motto unseres Hoffest lauten? In diesem Jahr, soll es also die Reformation und Martin Luther sein. Er, der vor 500 Jahren die Anschauung und Sichtweise auf Glauben, Leben und gesellschaftliche Werte neu justieren wollte. In Vorbereitung des Themas waren wir Anfang Mai nach Wittenberg aufgebrochen, um im Team nach Ideen und Inhalten zu suchen, die für unsere Kinder spannend, lehrreich und einprägsam sein könnten.

Nach der Rückkehr hatten wir genug Ideen, um mit den Kindern der Kinderhäuser verschiedenste Projekte zu starten. So verblüfften mich die Kinder des FidL-Kinderhauses Pittiplatsch mit einem selbst-gedrehten Trickfilm, der den Thesenanschlag zu Wittenberg zeigte. Jedes Detail, die Bewegungen und Szenengestaltung, das komplette Drehbuch haben sich die Kids selbst ausgedacht und mit unglaublicher Feinmotorik, Ruhe und Ausdauer aufgenommen. Die in diesem Projekt erspielten Medienkompetenzen erhielten während des Herbstfestes 2017 großen Beifall.

Im FidL-Kinderhaus Fridolin näherte man sich der Reformationszeit mathematisch. Ein Zeitstrahl wurde auf dem Flur installiert, akribisch wurden Daten vermerkt und Zeitabstände sichtbar gemacht. Neben Luther tauchte da auch ein gewisser Friedrich II. auf und auch Geburtsjahrgänge der pädagogischen Fachkräfte dürften nicht fehlen. Zu meinem Erstaunen - um nicht zu sagen Entsetzen - erwies sich mein Geburtsjahrgang schon etwas abgehangen, zu denen Datensätzen meiner Kolleginnen. „Schau mal Henry, du bist am nächsten am König dran, also ganz schön alt!“ Die Erkenntnis aus dem Mund eines Sechsjährigen zu vernehmen, löste mehr als ein Schmunzeln aus. Die Arbeit mit Kindern ist ein gemeinsames Forschen und Erspielen von Erkenntnis, Wissen und Freude. Dabei sind wir Partner und Mitstreiter, jedoch nicht die „Bestimmer“. Die Vorbereitungen der detailreichen Projektarbeiten verliefen über mehrere Wochen.

Dabei ist der situationsorientierter pädagogische Ansatz, der Motor, um immer tiefer in die Materie einzusteigen. Wer ist eigentlich Gott? Gibt es mehrere Götter? Wie spielten Kinder im Mittelalter und machten sie Sport? Was gab es zu essen? Gab es eine Kita? Wie wurde eine Kirche gebaut? Hatten sie Handys und Computer?

In der Summe waren es viele kleine Erkenntnisbausteine, die „unseren“ Kindern in Erinnerung bleiben werden. Für mich persönlich ist es insbesondere ein Schreib-/Malexperiment mit 5-6 jährigen, die mit einer Gänsefeder und etwas Tinte neben ihren Namen auch die ersten Botschaften für das diesjährige Fest aufmalten. So wünschte man sich Sonne, Blumen und allerlei andere Dinge. Wie mühsam das alles damals war merkten die fleißigen Schreiber ganz allein. Warum hatten die Menschen den keine Kugelschreiber oder Buntstifte? Als wir feststellten, dass selbst die Bücher von Hand geschrieben worden sind, waren gleich einige neue Themen parat: der Buchdruck und ein gewisser Gutenberg, Ideen den Kartoffeldruck unter anderen Gesichtspunkten nochmal neu zu erfinden, die Entwicklung des Bunt- und Bleistifts. Wie kommen die Farben da rein? Und aus was werden diese hergestellt? Die Erkenntnis eines „ Ü-Fünfzigjährigen“: Es bleibt spannend und ein anspruchsvoller Spaß für Alle!

Das Fest Mitte September 2017, erlebte ich als Tilman Riemenschneider. Dieser war ein deutscher Bildschnitzer und Bildhauer sowie Bürgermeister und Freiheitskämpfer. Er zählt zu den bedeutendsten Künstlern am Übergang von der Spätgotik zur Renaissance (vgl. Quelle 2). Dementsprechend ausgestattet war ich auf der Suche nach Künstlernachwuchs im Brandenburgischen Land. In diesem Jahr wurde ich auf dem Veranstaltungsort der Burg Fridolin fündig. Schön war zu sehen, wie unterschiedlich und facettenreich die Kinder, Eltern und Besucher das Fest wahrnahmen. Im Folgenden habe ich die Erlebnisberichte aus der Perspektive von Eltern (fett) und des FidL- Teams (kursiv) gemischt. Viel Spaß beim Lesen,

Henry Sawade

Vorstandsvorsitzender FidL-Frauen in der Lebensmitte e.V.

„Mittelalter… wie alt ist man da nochmal?“

Samstag, 16. September 2017, 8 Uhr Eise kalt und keine Sonne am Himmel. Alt eingesessene Fridolin-Erzieher und Küchenfeen treffen sich im FidL-Kinderhaus Fridolin. Die Vorbereitung klappt ohne Hektik und man merkt, dass wir ein eingespieltes Team sind. Kurz vor 10 Uhr: das Fest kann starten.

Endlich war es soweit. Bei Sonnenschein und nur leicht bedeckten Himmel fand am 16. September das Hoffest im Kinderhaus Fridolin statt. Nachdem schon Tage und Wochen zuvor das Thema „Martin Luther“ in den FidL-Kinderhäusern Fridolin und Pittiplatsch Einzug hielt, konnten am Tage des Hoffestes alle noch einmal in die Zeit zurückreisen und verschiedene Dinge des Mittelalters ausprobieren.

Heute soll jemand die Zeit zurückdrehen. Wie soll eine Kita in einen Markt des Mittelalters verwandelt werden? Ganz einfach. Wenige Mittel, einfache aber tolle Ideen und eine Horde voll mit enthusiastischen Mägden, singenden Dorfknaben, Künstlern und Bischöfen. Um ein rauschendes zu Fest zu gestalten, fehlen uns nur noch feierlustige Ritter, wissbegierige Burgfräulein und auch der ein oder andere Dino wären nicht falsch.

Um 10:00 Uhr öffneten sich die Tore des FidL-Kinderhauses Fridolin. Empfangen wurden alle Kinder und Eltern von einer Thesen-Tür. Im Laufe des Tages konnte hier jeder seine mit Federkiel geschriebene These eigenständig an die Tür nageln! Und das war nur der Anfang. Ritter rannten über den Hof, Gaukler, Mägde, Edelleute, Prinzessinnen sowie kleine Drachen oder Fledermäuse waren auch zu sehen. Zum Hoffest waren alle Kinder in Begleitung ihrer Eltern oder Omas und Opas der Kinderhäuser Pittiplatsch und Fridolin eingeladen. Mutige zog es danach gleich zum Marktstand des Riemenschneiders! Mit Hammer und Meißel konnte hier jeder einen Einblick in die Arbeit eines echten Bildhauers bekommen. Schweiß und Stein gab es hier nicht zu wenig. An verschiedenen Ständen konnten die Kinder oder auch die Erwachsenen sich ausprobieren. So wurde gebuttert, am Stoffdruck-Stand weiße T-Shirts mit der Lutherrose bedruckt, die Mädchen konnten sich Zöpfe flechten lassen. Wer wollte, druckte sein eigenes kleines Buch oder bearbeitete im Steinbruch seinen eigenen Kalkstein. Andere wollten sich mit edelsteinbesetzten, selbstgebastelten Armreifen schmücken oder die eine oder andere Blume im neu geflochtenen Haar tragen. Auch viele andere Marktstände gab es zu entdecken. Einige Mägde und Dorfherren waren beim Bücherdruck anzutreffen, andere neugierige Ritter (und viele Eltern) traf man an dem Kräutergarten oder beim Butter herstellen an.

Die Kinder konnten im Theater sich von Martin und Paul die Geschichte von Luther erzählen lassen. Passend zur Stimmung gab es etwas Musik. Für das leibliche Wohl sorgten die Köchinnen der Burg Fridolin mit Karottensuppe, Hähnchenflügeln, Rote-Beete-Brot und Kuchen und Äpfeln. Das Hause Pittiplatsch hat für kleine eigens hergestellte Köstlichkeiten gesorgt. Mit einem Päckchen Wildkräutertee und selbstgebackenem Lutherbrot war der kleine Hunger schnell abgeschrieben. Das war ein Schmaus.

Neben dem Markttreiben konnte man in den Räumen auch noch einem Puppentheater folgen. In den drei Vorstellungen, mit einem von den Kindern produzierten Trickfilm, bekam man einen Einblick in das Leben des Martin Luthers. Zum Ende des frohen Markttreibens gab es auch noch etwas auf die Ohren. Gemeinsam sangen und tanzten Kinder, Eltern und Erzieher zu den Klängen der Gitarre. Als Eltern eines Fridolin-Kindes bedanken wir uns, sicherlich auch im Namen aller anderen Anwesenden, für den Ideenreichtum, die Zeit zur Umsetzung und die Organisation dieses wunderschönen Hoffest bei allen Erziehern der beiden FidL-Kinderhäuser Pittiplatsch und Fridolin.

Susann und Thorsten

Wir bedanken uns bei allen die uns an diesem Tag besucht haben. Uns bereitete es viel Freude glückliche Kinder und Eltern zu sehen.

Das FidL-Team

 

Quelle 1: Seite „Reformation“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. Juli 2017, 19:37 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Reformation&oldid=167183427 (Abgerufen: 23. Oktober 2017, 09:15 UTC)

Quelle 2: Seite „Tilman Riemenschneider“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. Oktober 2017, 14:44 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tilman_Riemenschneider&oldid=169618302 (Abgerufen: 23. Oktober 2017, 10:33 UTC)