Gedanken zum Jahreswechsel 2018/19

Es ist der 04.12.2018 und ich habe die letzten zwei Stunden in Gedanken die Daumen für meinen Sohn gedrückt. Er ist 28 Jahre alt und wurde gerade am Kopf operiert. Der Tumor ist schnell gewachsen und musste schnellstens entfernt werden. Ohne meine Papageienkinder hier im FidL-Kinderhaus Fridolin wären das für mich die schlimmsten Stunden des Jahres 2018 gewesen. Stattdessen haben wir gesungen, Sterne gefaltet und Fledermäuse gebastelt. Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir zu diesem Jahr nicht viel Positives ein. So sind persönliche Schicksale in der Belegschaft wie auch bei mir selber ins Gedächtnis eingebrannt worden.

Kaum ein Ereignis in diesem Jahr sorgte für unbedarfte Heiterkeit. Woran das gelegen hat, ist schwer festzumachen - eigentlich nicht nachvollziehbar. Man muss sich in Geduld üben, auch wenn das dem Einen oder Anderen schwer fällt. Mit dem neuen FidL-Kinderhaus in Bornim begann im Frühjahr des Jahres mit einem kurzen positiven Ausrufezeichen! Es wurden Bäume gefällt, um Baufreiheit zu schaffen. Dann war plötzlich Schluss. Heute wissen wir, dass die Investoren sich noch nicht abschließend einigen konnten. Dies ist ein Umstand, den wir nicht beeinflussen können. Geduld ist gefragt. Wir hoffen, dass es 2019 endlich mit dem Bauprojekt losgeht. FidL benötigt dringend weitere Kitakapazitäten, um den Bedarfsanfragen überhaupt irgendwie gerecht zu werden.

Die Problematik der Kitafinanzierung im Allgemeinen, aber auch insbesondere im Bereich (der Rückzahlung) der Elternbeiträge hat uns ebenfalls das gesamte Jahr über beschäftigt. Nach vielen Sitzungen, Diskussionen, Streitereien ist hier nur bei der ab August geltenden Beitragssenkung ein wirklicher Fortschritt zu verzeichnen. Es ist traurig zu sehen, dass hier Eltern und die Träger der freien Jugendhilfe nicht als Partner behandelt werden, sondern um Augenhöhe kämpfen müssen. FidL wird das Kämpfen nicht aufgeben, dafür stehe ich mit meinem Namen und meiner Auffassung zum Thema vorschulische Bildung.

"Kitas sind die ersten und wichtigsten Universitäten im Land um Zukunft langfristig zu meistern." Leider hat das die Politik noch nicht wirklich verinnerlicht. Lippenbekenntnisse und halbherzige Gesetze, Denken in Sparten und parteipolitischen Programmen, eine Heerschar von Lobbyisten schaden dem Land und damit einer tragfähigen Problembewältigungs-Politik. Genau diese Punkte habe ich in diesem Jahr mit unserer Bundesfamilienministerin Frau Giffey, Herrn Ministerpräsident Woidke und dem nunmehr neuen Oberbürgermeister Herrn Schubert besprochen. Das Verständnis, erstmal wesentliche Hausaufgaben zu bewältigen und daraus die geeigneten Schlüsse zu ziehen, ist offensichtlich in allen Bereichen eine schwierige Übung. Ich kann jedem nur empfehlen, sich die Dinge, die uns alle berühren und betreffen, an der Basis anzuschauen und zu analysieren.

Ob Dieselauto, Hambacher Forst oder Digitalisierungsdebatte, alles was heute falsch oder halbherzig läuft, müssen die Kids von heute später in die Hand nehmen. Probleme lösen werden die Helden von Morgen jedoch nur, wenn wir heute erkennen, wie wichtig eine tragfähige Bildung und demokratische Sozialisierung ist. Darin zu investieren ist, jedenfalls aus meiner Sicht der Dinge, die Grundvoraussetzung, um die Werte des Landes perspektivisch zu erhalten.

Vieles hat sich verselbstständigt und es fehlt an Kontrolle und Augenmaß. Wir wissen seit Jahren um die Notwendigkeit, Neues zu schaffen. FidL hat sich in den letzten Jahren immer wieder mit zum Teil außerordentlich ausgefeilten Konzepten um das Betreiben von weiteren Kindertageseinrichtungen beworben. Wir haben an fast allen Ausschreibungen der Landeshauptstadt teilgenommen. Immer waren wir unter den letzten drei Bewerbern. Fast immer guter Zweiter! Nur das Wichtigste, einen Zuschlag zu erhalten, blieb uns bisher verwehrt. Die Frage, woran es gelegen hat und wo wir noch besser werden müssen, konnte uns jedoch niemand wirklich einleuchtend erklären. Transparenz in den Verfahren, Fehlanzeige. Das mündete in diesem Jahr in einer von uns mittels Rechtsbeistand erzwungenen Akteneinsicht. Hier wurde deutlich, dass die Vergabepraxis nicht nur von uns, sondern auch von erfahrenen Juristen als fragwürdig eingestuft wird. Auch hier müssen wir, wenn sich etwas ändern soll, zukünftig kämpfen. Notfalls vor Gericht. Die von uns geforderte Transparenz kann langfristig dazu führen, dass auch kleine und kleinere Träger mit guten Konzepten Ausschreibungen oder stadtinterne Bewerbungsverfahren für sich entscheiden. Wieder so eine Basishausaufgabe, die bisher nicht richtig verstanden wurde. Trägervielfalt und Angebotsvielfalt ist abhängig von einer Lobby. Davon sind wir jedoch weit, weit entfernt.

Die Hoffnung, dass sich hier etwas ändert und ein Neuanfang gewagt wird, liegt nun in der Hand des neuen Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Potsdam. Ich wünsche Mike Schubert Kraft, Empathie, ein kompetentes Team, gute Juristen und unabhängige Berater sowie abschließend wirklich viel politischen Mut, es besser und zukunftstragender zu gestalten, zu kontrollieren. FidL wird jeden ernstgemeinten Änderungskurs unterstützen und wo notwendig helfen, Dinge die für eine bessere vorschulische Bildung stehen, zu befördern.

Trotz diesen wirklich schwierigen Situationen, Herausforderungen und Problembaustellen, gab es in diesem Jahr auch einige sonnige Momente. Wobei Wassermangel, kaum Regen, Temperaturrekorde und Klimawandel wieder auf Probleme hinweisen, die die Generation Kindergarten später lösen muss. Das Hoffest im FidL-Kinderhaus Fridolin mit strahlenden Kinderaugen, vielen kreativen Spielideen und leckeren Kleinigkeiten hält seit Jahren ein hohes Niveau.

Die Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg insbesondere mit dem Neuen Garten ist seit vielen Jahren eine sichere Bank der Bildung. Ob Zitrussorten, Kübelpflanzen oder Architekturgrundkenntnisse, die ersten kleinen gärtnerischen Fachgespräche - alles nachhaltige Bildung, die den Kindern später hilft, die Zukunft zu meistern.

An dieser Stelle gilt auch ein besonderer Dank dem Team des Vitanas Senioren Centrum Am Volkspark. Die Kooperation ist gelebte Mehrgenerationen-Auseinandersetzung mit den verschiedensten Lernfeldern. Alter und Kindheit sind enger verknüpft als man denkt oder uns das moderne Leben weismachen möchte. Die Kinder sind so frei von Vorurteilen und Berührungsängsten. Das Miteinander fördert Verständnis und Rücksichtnahme. So manch‘ strahlende Augen der BewohnerInnen zeigten mir die Dankbarkeit, die uns in diesem Jahr mehrfach gut getan und Kraft gegeben hat.

Für viel Wirbel sorgte in diesem Jahr auch eine Gesetzesänderung die DSGVO (Datenschutzgrundverordnung)! Wir müssen aufpassen, das uns der Fortschrittswahnsinn und die damit verbundenen Spielregeln nicht irgendwann - und wahrscheinlich schneller als wir denken - auf die Füße fallen. Als kleinen Denkanstoß an dieser Stelle der Hinweis, dass dieses Gesetz ein Europäisches ist… Meine Erfahrung in diesem Jahr damit war, das Griechenland uns diesbezüglich um Jahre voraus sein muss. Auf Kreta gab es Straßen, die weder Namen haben, noch in Navigationssystemen, noch in Karten verzeichnet waren. Die Hotels wurden trotzdem, wenn auch nach Suchen von den meisten Touristen innerhalb eines Tages gefunden. Die Kommunikation wurde eindeutig auf verbale Verständigung reduziert. Im Nachgang hat mir diese Verfahrensweise des Sparens viele Denkanstöße gegeben. Ein Denkanstoß war, genauer hinzuschauen und nach den wesentlichen Punkten zu suchen. Da kam die diesjährige Fortbildung in Sachen "Feuer" gerade recht. Der Umgang mit diesem elementaren Element der "Menschwerdung" kommt uns immer mehr abhanden. In Sachen Kita eine fast unlösbare Aufgabe, die jedoch unbedingt einer pädagogischen Bearbeitung bedarf. Wir werden da dran bleiben und uns unsere Gedanken machen. Ein schönes Bild in diesem verflixten 2018 waren aber auch gleich drei werdende FidL-Team Mütter, die das Abenteuer Familienleben wagen. Die Herausforderungen, dieses im laufenden Betrieb personell zu stemmen, steht jedoch auf einem anderen Blatt!

Der Zusammenhalt der Menschen, die hier bei FidL arbeiten und jeden Tag ihre Aufgaben erledigen, die Elterngespräche und das Vertrauen gegenüber uns, dem FidL-Team geben mir und dem gesamten Team die Kraft auch solche Jahre zu überstehen. Ein Hoch auf 2019 - es kann eigentlich nur besser werden!

Die Papageien 1 tippen mir gerade auf die Schulter und zupfen an meiner roten Jacke. „Los Henry, wir sind fertig, Sterne sind gebastelt und die Fledermäuse nehmen wir mit nach Hause. Du musst noch mit uns den Song proben. Den Vesperkram haben wir schon hingestellt und dann wollen wir noch auf den Spielplatz.“ Im gleichen Moment kommt per SMS die Nachricht, dass die OP überstanden ist und es noch ein wenig dauert bis der Patient aus der Narkose erwacht.

Ich wünsch allen ein gesundes und friedvolles 2019.

Henry Sawade

Vorstandsvorsitzender
FidL-Frauen in der Lebensmitte e.V.