Zeitreise in das Fridolin-Jahr 2004

Der Zaunkönig wird zum Vogel des Jahres gekürt, "Hartz IV" wird Wort und "Humankapital" Unwort des Jahres 2004. Horst Köhler wird neuer deutscher Bundespräsident und de Randfichten fragten: "Lebt denn der alte Holzmichl noch...?" Das Jahr 2004 war auch für Kinderhaus Fridolin ein bewegendes Jahr und in diesen Tagen im Jahr 2015 war es wieder ganz nah...

Zeit vergeht und rast dahin… jedenfalls wenn ich an FidL und das Kinderhaus Fridolin denke. In all den vergangenen Jahren kam jedenfalls niemals Langeweile auf. Umso spannender für unsere Kinder im Jahr 2015 war eine kleine Zeitreise in das Jahr 2004, an der ich heute teilnehmen konnte.

Erin-Paulin, kam vor zwei Wochen als Schülerpraktikantin in das Kinderhaus. Ein Vorgang der nicht selten ist und dem wir als Team sehr offen und mit viel Empathie begegnen. Schließlich bekommen Schüler in diesen Tagen einen ersten Einblick in die reale Berufswirklichkeit der Erwachsenen. Was in der geleisteten Schulzeit an Theorie gelernt wurde, muss sich nun in der realen, wenn auch sehr begrenzten Alltagssituation messen lassen. Was mir erst einen Moment später bewusst wurde, war der Fakt, dass hier ein Fridolin-Kind sein Praktikum absolviert, das ich noch vor zehn Jahren hier im Fridolin betreut hatte. Es war nun auch für mich sehr spannend zu sehen, ob damals angelegte und angestrebte Kompetenzen entsprechende Früchte getragen haben.

Zeitsprung in das Jahr 2004

Die Frauen in der Lebensmitte standen vor einer schwierigen Entscheidung. Das Kinderhaus Fridolin verlor Stück für Stück durch verwaltungsbedingte Auflagen und Finanzierungsgrundlagen den Boden des Fortbestehens. Die Verhandlungen mit der Stadt Potsdam waren einfach nicht zielführend. Ich hatte damals den Eindruck, dass kaum Interesse am Fortbestand des Fridolin-Angebotes bestand. Große und etablierte Träger der freien Jugendhilfe expandierten in diesen Jahren zu Konzernen, die in Gesamtdeutschland aber auch über die Grenzen hinaus die Kindertagesbetreuung unter sich aufteilten. Das war niemals Sinn und Zweck unserer Vereinskultur.

Wir hatten die Kinder und ihre Eltern, deren Lebenssituation und unsere Vorstellungen von pädagogisch wertvollen Konzepten im Kopf. Da wir keine abrechenbare Unterstützung für das Problem bekamen, machte ich mich damals auf den Weg und versuchte eine Lösung zu finden. Wir hatten einfach zu wenig Platzkapazitäten, um eine entsprechende Anzahl an Kindern zu betreuen, die eine rechenbare NPP-Größe (NPP bedeutet notwendiges Pädagogische Personal) rechtfertigte. Das hatte Einfluss auf alle Bereiche des Kinderhauses.

In dieser Zeit gingen wir eigene aus jetziger Sicht abenteuerliche Wege, um die Probleme zu lösen. So wurden Betriebskooperationen geschlossen, Eltern aktiviert und Unterstützer in den Reihen der Ämter gesucht. Das war nicht sonderlich schwer, denn viele ließen ihre Kinder im Fridolin betreuen. Andere wollten das gerne, konnten jedoch nicht, weil wir einfach zu wenige Plätze anbieten konnten.

In der Folge wurde ein ehrgeiziger Plan umgesetzt und ein Gartenhaus gebaut, welches eigentlich hätte so nicht entstehen können. Das ist jedoch eine andere Geschichte! Erin- Paulin konnte jeden Tag aus dem Fridolin Fenster schauen und sehen das sich merkwürdige Veränderungen im Garten abzeichneten. Der Spielplatz erhielt einen Bauzaun und ein BOB-CAT gehörte nun zum täglichen Erlebnishorizont, wenn man den Spielplatz betrat. Kurzerhand begannen wir diese Situation pädagogisch zu verarbeiten. Es wurden Raumaufmaße gefertigt, mit einem Laser nivelliert, Buddelformen mit echtem Beton gefüllt und viele andere Unternehmungen veranstaltet. Der Situationsansatz wurde auch damals schon mit Leidenschaft gelebt!

Zeitsprung in das Jahr 2015

Nun steht Erin selbstbewusst und ein bisschen aufgeregt in der Tür "der Großen" (Gruppe Papageien) und wird heute zum Abschluss ihres zweiwöchigen Schülerpraktikums ein eigenständiges Angebot mit den Papageien absolvieren. Ihre Klassenlehrerin strahlt und ist genauso gespannt wie ich. Sie wird gemeinsam mit mir hospitieren und beobachten was Erin mit den Kindern vorhat.

Im Morgenkreis versuche ich die Kinder auf die besondere Situation einzustimmen. Das gelingt bei der Vorfreude und Aufregung nur bedingt. Schließlich ist heute ja noch eine „echte Lehrerin“ mit von der Partie. Die Kinder merken instinktiv, dass Erin heute aufgeregter ist als sonst. Dann kehrt jedoch die bei den Papageien gut angelegte Aufmerksamkeit und Routine wieder ein. Die alte Gitarre und ein Song, den wir gerade neu erfinden, funktionieren als Handwerkszeug perfekt.

Erin beginnt zu erzählen: "Vor zehn Jahren war ich selber ein Fridolin-Kind und habe hier den Kindergarten besucht. Es sah hier noch ganz anders aus. Henry war aber schon damals hier und er hatte mich auch in einer Kindergartengruppe."

Dann zeigte sie uns alte Fotos und wir erkannten Erin erst nach genauem Hinschauen. An Hand der Fotos versuchten die Papageien zu erforschen, wo das Foto gemacht worden ist. Alle Kinder erkannten den Raum der Schmetterlinge. Vieles hat sich jedoch so verändert, das Erin nun mit den Kindern auf Spurensuche gehen wollte.

Das war dann auch für mich ein bewegender Moment. Sie erklärte uns wo früher Henrys Büro war, wo die Kinder gefrühstückt haben und wo das alte Haus zu Ende war. Das ist spannend und wir merkten ganz schnell, dass die alte Villa viel kleiner war als heute. Dann ging es auf den Spielplatz. Auch hier finden wir noch Spuren, die zeigen wie es hier früher einmal ausgesehen haben muss. Wir erforschen die Wände und sehen, wo vor zehn Jahren noch ein Spielzeugschuppen gestanden hatte.

Nun fragte sie uns, ob wir das Spiel: „STEH-GEH“ kennen. Keiner der Kinder kannte es und wir waren neugierig wie es funktioniert. Nach einer kurzen Erklärung ging es los. Wow! Das ist total lustig und macht riesen Spaß. Dann geht es zurück in den Gruppenraum. Als große Überraschung hat Erin eine CD mitgebracht, die Henry vor 10 Jahren mit den damaligen Kindern aufgenommen hatte. Wir hören gespannt zu. Erin hört sich mit 4 Jahren ganz niedlich an. Das Lied kennen wir, doch so haben es die Papageien noch nie gehört. Ein ganzer Schwung Kinder singt mit großer Begeisterung das Apfellied. Jedes Fridolin-Kind kennt es und wir singen leise mit. Schön ist, dass auch Erin nach so vielen Jahren noch textsicher ist!

Und schwubs ist die Zeit vorbei und wir sprechen jetzt einfach Englisch. Die Klassenlehrerin ist schwer beeindruckt. In der Mittagsruhe machen wir einen Spaziergang durch den neuen Garten. Das Wetter ist einfach zu schön und keiner hat Lust zu schlafen.

Mir gehen an diesem Nachmittag noch viele Momente lang, die Erlebnisse jener Zeit durch den Kopf. Die Bürgschaften, die für dieses Projekt notwendig waren, die unzähligen Arbeitsstunden und der ungebrochene Optimismus, der jeden Tag notwendig war um weiter zu machen. In jenen Tagen wurde ein Stück weit der Grundstein gelegt, den Fridolin heute ausmacht. Und mir kamen die Kinder dieser Zeit wieder in den Sinn.

Erin war nicht die erste Praktikantin, die ich nach Jahren im Fridolin wieder begrüßen dürfte. Und ein schmunzeln legt sich auf mein Gesicht. In ein paar Wochen wird ihr damaliger Spielkamerad Max im FidL-Kinderhaus Fridolin sein Praktikum absolvieren. Mal sehen wie gut er sich an seine Kindergartenzeit erinnert und ob wir erneut eine Zeitreise unternehmen können.